Der Rundumschlag für Verbraucher – trifft nicht immer

Qualitätslüge

Wir Kunden und Verbraucher werden belogen und betrogen – da kann nur der Rundumschlag helfen. Unter dieser Prämisse bleibt uns eine kritische Haltung, um Gesundheitsgefahren, Umweltproblemen und sozialen Missständen in fernen Erzeugerländern zu begegnen. Das Autorenduo Annette Sabersky und Jörg Zittlau nennt ihr nun drittes gemeinsames Werk ein „Handbuch für kritische Verbraucher“.

In „Die Qualitätslüge. Einkaufen mit Nebenwirkungen“ geht es recht vielfältig zu: Von Bekleidung bis Ernährung, von Tourismus bis Blumen, kaum ein Konsumbereich bleibt unerwähnt. Häufig ohne roten Faden geht es durch die einzelnen Kapitel, mal wird über ökologische Folgen berichtet, mal über Gesundheitsgefahren für den Nutzer, dann wieder auf die Abzocke der Anbieter hingewiesen. Im anprangernden Tonfall gerät schon mal die ein oder andere Aussage etwas schief, „produzieren“ plötzlich auch Atomkraftwerke CO2 oder ist vom „Teufelszeug“ Blei und der „knatternden Kaffeemaschine“ die Rede. Das Kapitel Autos schließt mit dem Abschnitt zum Tod eines Toyota-Mitarbeiters, der wegen Überarbeitung am Arbeitsplatz verstorben war. Die Aneinanderreihung von Verbraucherschutzskandalen und -meldungen der letzten Jahre wirkt stellenweise plump, als würden die Autoren nur die Kampagnen von Umwelt- und Verbraucherorganisationen wiedergeben und wären nicht immer selbst in den einzelnen Themenfeldern zuhause. Da wird Andreas Hänel von der Phoenix Solar AG zum „Sonnenkönig“ der Medien, dabei gilt dieser Titel nun einmal nicht zuletzt wegen seines Lebensstils dem SolarWorld-Besitzer Frank Asbeck. Überhaupt bewegt sich das Kapitel Energie bedenklich nahe an simpler Meinungsmache gegen Erneuerbare-Energien-Gesetz und Emissionshandel, einschließlich der fragwürdigen Behauptung, dass, „wer also das Standby an seinem Fernseher ausschaltet, Energiesparbirnen in seine Lampen schraubt oder seinen Strom auf regenerative Energie umstellt, [...] letzten Endes kein Gramm CO2 [spart]“ – aber trotzdem solle man nicht weitermachen wie bisher …

Man kann über den Sprachstil geteilter Meinung sein, trockene Dokumentationen erreichen sicherlich ein kleineres (und anderes) Publikum als die kurzweilige, saloppe Schreibe der Autoren. Und sicherlich macht die Aufarbeitung der aktuellen Verbraucherthemen durchaus Sinn, auch wenn unterschiedlichste Problemfelder nebeneinander dargestellt werden. Aber wenn sich die Sachverhalte nun einmal etwas komplexer darstellen, sollte man sich schon die Mühe machen, etwas weiter auszuholen – dafür dürfen weiter entfernte Themen wie der Tod am Arbeitsplatz gerne entfallen. Positiv ist die Vorstellung der verschiedenen Öko- oder Fairtrade-Siegel am jeweiligen Kapitelende anzumerken, die Informationen sind konkret und präzise zusammengefasst.

Am Ende des Buches erwarten den Leser noch zwei grundsätzliche Abschnitte zu Verbraucherverhalten und Wirtschaftsordnung. Dieses Sammelsurium reicht von Sokrates über die „Horrorgeschichte“ Tuvalu bis zum insgesamt ziemlich häufig thematisierten Potenzmittel Viagra und gleicht einem fulminanten Feuerwerk zum Abschluss, das beinahe zur Kapitalimuskritik wird. Kurz bevor jedoch die Parole „Kauft nicht!“ ausgegeben werden kann, erfolgt die Vollbremsung, kriegen noch eben die LOHAS ihr Fett weg – weil die (bekannter Vorwurf) nicht auf die Straße gehen und sich für politische Veränderung einsetzen, sondern nur ihr eigenes Delikatess-Süppchen kochen – und folgt die Quintessenz der Autoren: Unter der Überschrift „Kritisch bleiben, dem eigenen Urteil vertrauen“ wird das Vorurteil als schlimmster Feind unabhängigen Denkens genannt und ein Leitsatz Sokrates’ zu Bedenken gegeben: „[...] bevor man seine Freunde von Solarenergie zu überzeugen versucht, gegen Tierversuche und Autofahren wettert, die Gnadenlosigkeit der Monopolisten anprangert oder in irgendeiner anderen Weise für Umwelt und Menschheit aktiv wird. Er [Anm. d. Autors: der Leitsatz] lautet: Nur der ist weise, der weiß, dass er es nicht ist.“ Was sicherlich einiges der beinahe 300 Seiten relativiert, den Leser aber leider ziemlich ratlos zurücklässt. (ve)

Sabersky, A.; Zittlau, J.: Die Qualitätslüge. Einkaufen mit Nebenwirkungen. Knaur, München 2009, 298 S., 8,95 €, ISBN 978-3-426-78212-5

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